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Über viele Jahre lag die Verantwortung für die Produktentwicklung LIGNATUR bei der Lignatur AG in meinen Händen. Nicht als Abteilung. Nicht als Gremium. Sondern als jemand, der Dinge nicht einfach akzeptiert, wenn sie sich nicht richtig anfühlen.
Entwicklung beginnt für mich selten mit einer Lösung. Meist beginnt sie mit einer Irritation. Ich habe gelernt: Wenn etwas nicht stimmig ist, lohnt es sich hinzusehen. Nicht aus Prinzip. Sondern aus Verantwortung.
Hier einige Geschichten, in denen aus Irritation Lösungen wurden.
Brandschutz mit Holz?
Ende der 90er war das für viele ein Widerspruch. Mehrgeschossige Gebäude brauchen REI60 oder REI90. Ohne nachgewiesenen Brandwiderstand bleibt Holz draussen.
1999 stand in Europa erstmals eine Holzdecke 60 Minuten dem Feuer ausgesetzt auf dem Brandofen – eine LIGNATUR-Decke. Der Versuch fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Falls es schiefging, wollten wir keine Schlagzeilen produzieren.
Ich wusste, dass Holz sehr gut isoliert. Also stellte ich während des gesamten Versuchs einen Champagner auf die Oberseite der Decke. Meine einfache These: Wenn er danach noch trinkbar ist, ist die Decke besser als Beton.
Der Champagner blieb kühl.
Die Decke hielt.
Der Versuch war so positiv, dass wir den öffentlichen gleich auf 90 Minuten testeten.
Es folgten weitere Versuche, auch mit perforierten Unterseiten für die Akustik. Ja, perforiertes Holz brennt schneller. Aber deutlich kontrollierter, als viele annahmen. Gemeinsam mit Andrea Frangi, ehemaligen Studienkollegen, heute Professor an der ETH Zürich, dem IBS Linz, Ulrich Stöckel und weiteren Partnern, wie zum Beispiel Matthias Gerold entstand Schritt für Schritt die Grundlage für REI30, REI60 und REI90 in der ETA.
Aus Skepsis wurde Zulassung.
Und Holz durfte in den Geschossbau.
Ausklinkung
Querzugverschraubte Ausklinkungen gab es schon lange. Sie funktionierten. Jahrzehntelang.
2004 erhielten wir erstmals eine gutachterliche Stellungnahme zum Tragverhalten in den schmalen LIGNATUR-Stegen. 2012 wurden die reduzierten Randabstände sogar in der ETA der SFS-Befestiger verankert.
Und dann – 2018 – waren sie plötzlich wieder verschwunden. Ein Detail, das tausendfach funktioniert hatte, durfte nicht mehr nach ETA gerechnet werden.
Hat sich die Physik geändert?
Oder nur das Papier?
Erneute Versuche mit der Fachhochschule Biberach zeigten, dass das Detail trägt.
Heute ist die bewährte Ausklinkung wieder offiziell in der ETA LIGNATUR verankert.
Erfahrung ersetzt keine Norm.
Aber sie sollte von ihr gehört werden.
Schubstahl
Den Schubbolzen gab es schon früh.
Rechnerisch war vieles klar.
Aber was bedeutet der Rechenwert im Zusammenspiel mit Quellen und Schwinden? Wie gross ist der Schlupf?
Und was heisst das für die Durchbiegung der statischen Scheibe?
Beim Hallenbad in Biberach stand plötzlich nicht die Tragfähigkeit, sondern die Dauerhaftigkeit im Zentrum. Korrosion wurde zum Thema.
Ein Schubbolzen aus Eiche?
Oder ein anderes Prinzip?
Die Idee des Schubstahls lag auf dem Tisch. Mit Duplexbeschichtung und mit definierter Geometrie.
2011 prüften wir Schlupf und Tragverhalten an der Berner Fachhochschule.
2022 folgten optimierte Messungen an der TU Rosenheim mit Ulrich Grimminger.
Heute sind die Werte in der ETA verankert: Präzise. Nachgewiesen. Reproduzierbar.
Manchmal reicht ein Rechenwert.
Manchmal braucht es den Versuch.
Wechselblech
Auf den Karlsruher Tagen präsentierte ein Tüftler ein Aluminium-Anschlussteil. Pfiffig. Praktisch.
Doch Aluminium verlangt kleinere Randabstände. Und für kleinere Randabstände ist es schwierig eine Zulassung zu erhalten.
Warten auf eine Zulassung?
Oder neu denken?
Ich wählte eine Stahlvariante mit optimierter Geometrie. Zulässige Randabstände. Die Tragfähigkeit wurde 2005 auf der damaligen hausinternen Presse überprüft. Das Ergebnis: ein Wechselblech, das heute vielfach eingesetzt wird.
Manchmal ist es kein grosses System.
Sondern ein kleines Detail, das vieles erleichtert.
LIGNATUR silence12
Brandschutz kommt hoffentlich nie zum Einsatz. Schallschutz hört man am ersten Tag.
Holzbauten sind sensibel für tiefe Frequenzen. Trittschall, Bässe, das vertraute Poltern aus der Skihütte – im modernen Wohnbau keine Option.
Während meines Studiums faszinierte mich der Schwingungstilger im Brückenbau. Also stellte ich mir die Frage: Warum nicht auch für den Schallschutz?
Gemeinsam mit Andreas Rabold startete 2001 die Entwicklung von LIGNATUR silence. 2012 folgte silence12 – präziser, berechenbar, exakt positionierbar auf den Maxima der Eigenformen und direkt in den Produktionsprozess integriert.
Heute ist silence12 in fast jedem mehrgeschossigen LIGNATUR-Bau zu finden.
Neugier wurde System.
Und System wurde Standard.
Akustik – Dynamisches Design
Die Akustiktypen 1 bis 6 gab es schon lange. Bewährt. Gleichmässig.
Doch der Markt wollte schmalere Schlitze. Feiner. Architektonischer.
Die Herausforderung: Die untere Beplankung trägt. Geschlitzt und doch stabil – schallabsorbieren. Gesucht waren neue Geometrien, die Tragwirkung, Ästhetik und Absorption verbinden.
Später stellte ich mir die Frage: Warum immer gleichmässig? Innenarchitektin Dorothee Maier brachte es auf den Punkt: Natürliche Unregelmässigkeiten wirken edler.
Also suchte ich: Algorithmen. Natürliche Verteilungen. Variierende Lochbilder. Steuerbare Absorption.
Ein Element gleicht dem anderen und ist doch ein Unikat.
Manche verlieben sich sofort.
Andere bleiben beim Gleichmässigen.
Beides ist erlaubt.
Möglichkeiten erweitern ist Entwicklung.
Eine ETA wächst mit
Wer schreibt eigentlich den Pass für ein Schweizer Produkt, das in Europa verbaut wird? Deutschland verlangt eigene Nachweise, Frankreich andere. Ich fragte mich: Gibt es keinen gemeinsamen europäischen Weg?
2008 stellte ich beim DIBt den Antrag für eine ETA. Für mich war klar: Wenn schon, dann ganzheitlich. Nicht nur Statik. Ein Deckensystem lebt vom Zusammenspiel von Statik, Brand, Schall und Detail. Mit diesem Anspruch scheiterte ich zunächst.
2011 gelang es, gemeinsam mit der Holzforschung Austria, Sylvia Polleres, eine umfassendere ETA zu erwirken. In den Folgejahren flossen neue Erkenntnisse ein – Brandverhalten, Schubstahl, Ausklinkungen, Abschottungen, Schalldämm- und Absorptionswerte.
Heute ist die ETA 11/0137 mehr als eine Zulassung. Ein EU-Pass, der mitgewachsen ist – mit jeder Version ein Stück präziser.
EPD-Rechner
Holz speichert CO₂. Das weiss heute jeder.
Aber wie wenig graue Energie ist genau nötig, um ein konkretes Deckenelement zu produzieren? Was bedeutet eine andere Höhe? Oder die Distanz zur Baustelle?
Im Brettschichtholz ist es einfach: Mehr Volumen, mehr Masse, mehr CO₂. Mehr graue Energie. Linear. Bei komplexeren Systemen wird es schnell unübersichtlich. Dann braucht es Bauteilkataloge oder Annahmen.
Ich wollte es genauer wissen. Wenn wir ein Element konfigurieren können, müssen wir auch seine Umweltbilanz konfigurieren können. So entstand die Idee eines EPD-Rechners, gekoppelt an den Konfigurator. Geometrie, Materialeinsatz, Transport, alles fliesst ein.
Nachhaltigkeit ist kein Gefühl.
Sie ist berechenbar.
Wer effizient mit Holz und Leim umgeht, darf das zeigen.
Ich habe viele Jahre Verantwortung für die Produktentwicklung getragen.
Mit Freude. Mit Zweifel. Mit Hartnäckigkeit.
Heute interessiert mich weniger, wer recht hat. Mich interessiert, was technisch wirklich stimmig ist.
Wenn Sie ein Detail haben, das Sie nicht loslässt, eine Norm nicht zu Ihrer Erfahrung passt oder aus einer Idee ein belastbares System werden soll, freue ich mich über einen Austausch.
Herz. Kopf. Holz.
Und ein bisschen Lockenkopf.